60 Kinder in einer Klasse: Bildungseinrichtungen in Tansania noch weit davon entfernt, Schule zu machen

Sandra Dworack, Oxfam Bildungsexpertin und Sprecherin der Globalen Bildungskampagne, besuchte im Februar den Nordwesten Tansanias und erlebte die Schulsituation vor Ort.

Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte: Bereits 2002 schaffte die Regierung die Schulgebühren ab und startete ein umfangreiches Bildungsprogramm. Laut offiziellen Angaben liegt die Einschulungsrate für die Grundschule bei über 96 Prozent, und mehr als 60 Prozent der Kinder schaffen nach sieben Jahren Grundschule die Abschlussprüfung. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Tansania noch weit davon entfernt ist, das Millenniumsziel 2 „Grundbildung für alle“ zu erreichen: Denn bei der Unterrichtsqualität gibt es sehr großen Nachholbedarf. In den vergangenen Jahren wurden u.a. mit internationaler Unterstützung Schulen gebaut, mehr Klassenzimmer und sanitäre Einrichtungen errichtet.

Demgegenüber steht jedoch ein großer Mangel an ausgebildeten Lehrern und Lehrmaterial. In ländlichen Gebieten kommen auf einen Lehrer 80 Schüler. Die Lernerfolge sind entsprechend gering. Trotz der offiziellen Erfolgsmeldungen verlässt ein Großteil der Kinder die Schule, ohne richtig lesen oder schreiben zu können. Mädchen haben in den letzen Jahren beim Schulbesuch zwar aufgeholt, gehen aber immer noch seltener als Jungen zur Schule.

„Alle meine Kinder können zur Schule gehen. Das ist wichtig, denn nur mit ausreichender Bildung können sie eine gute Arbeit finden und ihren Lebensunterhalt verdienen“, sagt Ruth Lamaik.

Die 49-Jährige ist verwitwet und hat dennoch allen vier Kindern den Schulbesuch ermöglicht. Darauf ist sie stolz. Ihre Söhne gehen noch zur Schule, ihre Tochter, das älteste Kind, hat die Schule bereits absolviert und arbeitet. „Ich bin selber in die Grundschule gegangen, ich weiß, wie wichtig Bildung gerade für Mädchen ist. Ich wollte unbedingt, dass auch meine Tochter zur Schule gehen kann. Sie ist selbstbewusst und kann nun für sich selber sorgen.“

Deshalb engagiert sich Ruth auch im Schulkomitee der Ng’wihando-Grundschule.„Nicht alle Familien schicken ihre Töchter in die
Schule. Sie denken nicht, dass es wichtig sei. Dabei ist Bildung doch der Start in ein besseres Leben! Gerade für junge Frauen!“

Amani Marabi ist Lehrerin aus Überzeugung.

„Als ich zur Schule ging, gab es nur eine Lehrerin an der Schule. Sie wurde mein großes Vorbild.“ Marabi leitet die Grundschule Ng’wihando in der Region Shinyanga und ist mit großem Engagement bei der Sache, auch wenn sie mit vielen Problemen zu kämpfen hat. „Wir haben zwar genug Klassenzimmer, aber nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer. In einer Klasse sitzen mehr als 60 Kinder. Auch fehlen uns Bücher. Oft müssen sich 30 Kinder ein Buch teilen.“

Durch Lehrerfortbildungen konnten Marabi und ihre Kolleginnen die Qualität des Unterrichts verbessern.

„Wir haben neue Methoden erprobt, beziehen die Kinder aktiv in den Unterricht ein, lassen sie in Gruppenarbeit selbst Lösungen erarbeiten. Die Qualität des Unterrichts ist nun besser, die Kinder lernen mehr. Wir sind bessere Lehrer geworden.“ Sorgen bereitet ihr die mangelnde Unterstützung durch den Staat: „Wir brauchen viel mehr Lehrer und Bücher! Die Klassen sind einfach zu groß. So können wir die Kinder nicht ausreichend fördern. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, damit alle Kinder nicht nur für die Schule angemeldet sind, sondern auch gut lernen können.

Fotos: Oxfam Deutschland

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