„Bildung für alle – Eine kleine Geschichte großer Versprechen“

03/2011: Der Autor und Entwicklungsexperte Dr. Reinhard Hermle nimmt die Umsetzung des Ziels "Bildung für alle" kritisch unter die Lupe und erinnert daran, dass viele Länder – darunter auch Deutschland – ihre Finanzierungsversprechen zur Förderung von Bildung in armen Ländern bisher nicht eingehalten haben.

Zusammenfassung der Studie:

Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung. Doch Millionen von Menschen sind von diesem Recht ausgeschlossen. Bildung ist ein notwendiger, wenn auch nicht hinreichender Schlüssel für menschliche Entwicklung, Überwindung von Armut und wirtschaftlichen Fortschritt. Sie ermöglicht Selbstbestimmung, hilft Hunger zu bekämpfen, rettet Leben und fördert pro-demokratische Einstellungen. Wegen seiner normativen und ökonomischen Bedeutung hat das Recht auf Bildung u.a. Eingang in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 sowie den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966 gefunden.

Die meisten Regierungen bekennen sich zum Prinzip chancengleicher „Bildung für alle“. Auch fehlt es nicht an guten Absichten, großen Plänen und internationalen Programmen. Die großen Wegmarken internationaler Bildungsoffensiven waren die Zweite Entwicklungsdekade der Vereinten Nationen 1970-1980, die UNESCO-Weltbildungskonferenz von Jomtien 1990 und das Weltbildungsforum in Dakar im Jahr 2000, auf dem das Ziel der „Bildung für alle“ ausgerufen wurde, sowie die UN-Millenniumserklärung 2000 und die daraus abgeleiteten Millennium-Entwicklungsziele (MDGs). Auch bei mehreren Gipfeltreffen der G7/8 spielte die Umsetzung der Bildungsziele eine Rolle. 2002 wurde die Education for All – Fast Track Initiative (EFA-FTI) ins Leben gerufen.

Insgesamt ein grandioses Panorama der Ideale, Absichten und Initiativen, denen die politische Wirklichkeit jedoch nur schleppend folgte.

Auch der deutsche Beitrag zur Bildungsförderung offenbart eine tiefe Kluft zwischen Rhetorik und Realität. Zwar nimmt insbesondere die Grundbildung seit Beginn der 1990er Jahre zumindest programmatisch einen wichtigen Platz in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ein. Den größten Teil der Bildungsausgaben in der EZ machen jedoch die sogenannten Studienplatzkosten in Deutschland aus. Nur vergleichsweise geringe Summen dienen der Förderung der Grundbildung oder anderer Bildungssektoren in Entwicklungsländern. Seit etwa Mitte der 90er-Jahre stagnieren die Auszahlungen für Grundbildung. Obwohl aufgrund einer bei der Monterrey-Konferenz 2002 gegebenen Zusage die jährlichen Fördermittel für Grundbildung bis 2007 verdoppelt wurden, beginnt sich dies erst jetzt auch in etwas höheren Auszahlungen niederzuschlagen. Auch bei der finanziellen Unterstützung der FTI erreicht Deutschland lediglich den zwölften Platz von 18 Gebern.

Gemessen am Finanzbedarf für die Erreichung der EFA-Ziele, den die UNESCO auf jährlich zusätzlich 16 Milliarden US-Dollar beziffert, und an dem, was Deutschland entsprechend seiner wirtschaftlichen Leistungskraft beisteuern müsste, würde sich ein angemessener deutscher Beitrag zur Bildungsfinanzierung in Entwicklungsländern (fair share) auf etwa 1,47 Mrd. US-Dollar jährlich belaufen. Tatsächlich summierten sich die deutschen bilateralen Leistungen 2008 abzüglich der Studienplatzkosten in Höhe von 643 Mio. EURO auf 504 Mio. Euro, also auf etwa die Hälfte.

In qualitativer Hinsicht ist zu beobachten, dass die Gelder nur zum kleineren Teil in die bedürftigsten Länder fließen. 2007 kamen nur 10 Prozent der gesamten Bildungs-EZ den ärmsten Ländern zugute. Dies bestätigt die Grundstruktur der deutschen EZ, die generell stärker auf Länder mit mittlerem Einkommen ausgerichtet ist. Auch die Zahl der Einzelprojekte im Bildungsbereich nahm in den letzten Jahren stark ab. Trotz gegenteiliger öffentlicher Aussagen hatte es in der deutschen EZ im Vergleich zu den 90er-Jahren eine klare Schwerpunktverschiebung zum Nachteil der Bildung gegeben. Erfolgt kein Gegensteuern, wird es wahrscheinlich immer schwieriger, den Bildungssektor wieder auszubauen.

Auch wenn die schwarz-gelbe Koalition im Koalitionsvertrag vom 24.10.2009 den Bereich Bildung/Ausbildung als einen der Schlüsselsektoren der deutschen EZ benannte, bleibt offen, welche Gestaltungsspielräume angesichts voraussichtlich stagnierender oder nur geringfügig wachsender ODA-Leistungen bleiben.

Ein Blick über den deutschen Tellerrand zeigt, dass einerseits schon viel erreicht werden konnte, andererseits aber auch noch sehr viel zu tun bleibt. Die Einschulungsquoten wurden auch in den ärmsten Ländern deutlich gesteigert, Geschlechterungleichheiten vermindert und mehr Lernmöglichkeiten für benachteiligte Gruppen geschaffen. Aber es wird bei gleichbleibenden Trends im Jahr 2015 noch immer 56 Millionen Kinder ohne Schulzugang geben. Auch lässt die Qualität des Unterrichts oft noch viel zu wünschen übrig – nicht zuletzt eine Folge des gravierenden Mangels an qualifiziertem Lehrpersonal.

Die Bildungsinvestitionen insgesamt verzeichnen Zunahmen, auch geberseitig, sind jedoch nach wie vor nicht ausreichend. Stiefkind ist vor allem die Grundbildung. Hier bewegten sich die Geberzusagen nur wenig. Der Anstieg der Hilfe für Bildung ist durch den generellen Anstieg der weltweiten Entwicklungshilfe seit 2005 und nicht durch eine veränderte Prioritätensetzung begründet. Auch die FTI befindet sich in finanziellen Engpässen und zeigt strukturelle Schwächen und Verschleißerscheinungen. Hinsichtlich einer qualitativ besseren EZ sind Fortschritte feststellbar vor allem bei der Zusammenarbeit und Arbeitsteilung der Geber. Aber von einer konsequenten Umsetzung der Paris/Accra-Agenda kann noch keine Rede sein. Auch finden programmbasierte Ansätze (PBA) bzw. programmorientierte Gemeinschaftsfinanzierungen insbesondere auch in Deutschland nur eine unzureichende Anwendung als EZ-Modalität.

Es gibt nicht den einen Grund für die weltweite Bildungsmisere. Oft fehlt es an dem notwendigen politischen Willen, etwas zu tun, oder am Geld, das für andere Zwecke verbraucht wird. Auch viele strukturelle Gründe sind dafür verantwortlich. Armut, die unterschiedliche Behandlung von Jungen und Mädchen und ein Leben in abgelegenen Gebieten behindern den Zugang zu und den Verbleib in der Schule, ebenso wie Sprache, ethnische Zugehörigkeit, Kinderarbeit oder körperliche und geistige Behinderung. Kriege und Konflikte geben den Rest. Die verschiedenen Ursachen beeinflussen sich wechselseitig und können kumulativ die negativen Effekte verstärken.

Von der internationalen Gemeinschaft, Deutschland und den Entwicklungsländern ist zu fordern:

  • Den Worten und Visionen Taten folgen lassen!
  • Der Bildung in der EZ die Bedeutung geben, die sie objektiv hat und verdient!
  • Versprechen einhalten!
  • Bildungsfinanzierung sicherstellen nach dem Grundsatz des fair share!
  • Qualität der EZ verbessern!
  • Rahmenbedingungen mit einzubeziehen, die den Zugang zu Bildung, ihre Qualität und die Einbeziehung aller be- oder verhindern!

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