Interview mit Dr. Yahya Hassan Bajwa von LivingEducation
Globale Bildungskampagne: LivingEducation ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich in Pakistan für Bildung für Mädchen und Frauen einsetzt. Du selbst lebst in der Schweiz. Wie bist Du auf die Idee gekommen LivingEducation zu gründen?
Dr. Yahya Hassan Bajwa: Ich bin Schweizer pakistanischer Abstammung. Als Junge bin in ein Internat auf dem Zugerberg in der Nähe von Zürich gegangenen, wo vor allem gut betuchte Menschen ihre Kinder hinschicken.
Mit 14 Jahren hatte ich die Vision, eine Schule für die Ärmsten zu bauen. An dieser Vision hielt ich fest und 2001 begann ich zusammen mit meinem Freund und Bruder Fida Hussain Waraich ein Pilotprojekt in Pakistan. Es handelte sich dabei um ein Internat für Jungen ab der 5. Klasse. Doch für die Jungen war das Internatsleben nicht einfach. Viele litten unter Heimweh und Konzentrationsmangel. Kurzum: wir scheiterten mit diesem Projekt. Die Vision einer Schule gaben wir jedoch nicht auf. Während unseres Aufenthalts in Pakistan trafen wir einen alten, weisen Mann, der uns riet: „Wenn ihr etwas Gutes tun wollt, unterstützt die Mädchen.“ Wir nahmen uns seinen Rat zu Herzen und gründeten 2004 im Beisein der Schweizer Botschaft eine Internatsschule für Mädchen.
Wie ist die Schule organisiert?
Wir haben mit einer fünften Klasse begonnen. Immer wenn die Mädchen ein Jahr älter wurden kam eine Klassenstufe hinzu. Das heißt im zweiten Jahr hatten wir eine fünfte und eine sechste Klasse. Im Jahr darauf eine fünfte, sechste und siebte Klassen usw. Momentan haben wir zehn Klassen. 2011 wird es auch eine College-Klasse geben.
Wie ist die Bildungssituation in Pakistan?
In Pakistan verfügen ungefähr nur 60 Prozent der Männer über eine Schulbildung und 40 Prozent der Frauen. Wir können also feststellen, dass die Schulsituation in Pakistan insgesamt schlecht ist. Für Frauen und Mädchen ist sie dramatisch schlecht.
Was sind die Gründe dafür?
In Pakistan gibt es sehr große soziale Unterschiede. Das bedeutet, es gibt eine kleine Anzahl an wohlhabenden Menschen und eine große Anzahl an sehr armen Menschen, die besonders in den armen ländlichen Gebieten leben. Dort ist Kinderarbeit weit verbreitet, insbesondere während der Erntezeit. Kinderarbeit ist zum Bespiel ein Grund warum Kinder nicht in die Schule gehen können. Ich spreche mich nicht allgemein gegen Kinderarbeit aus, da sie in vielen Teilen des Landes für das Überleben der Familien sehr wichtig ist. Sie darf aber nicht soweit gehen, dass die Kinder deswegen nicht zur Schule gehen können. Schule muss immer Vorrang haben.
Wie ist die Situation für Frauen und Mädchen in Pakistan?
Söhne sind die Altersversorgung einer pakistanischen Familie. Deswegen investiert die Familie von vornherein weniger in Mädchen als in Jungen. Die Mädchen werden hingegen sehr früh verheiratet, oftmals auch zwangsweise. Nach der Hochzeit ziehen sie zu der Familie ihres Mannes. Das heißt, sie werden von ihrer leiblichen Familie getrennt.
In den Familien ihres Mannes, müssen die Frauen dann häufig Gewalt ertragen. Dabei ist es nicht nur der Mann, der zu Gewalt greift, sondern auch Schwiegermütter oder Schwägerinnen. Die Solidarität zwischen den Frauen der Familie ist leider häufig sehr schlecht ausgeprägt. Viele Frauen leiden deswegen an psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen. Um Frauen in Notsituationen zu helfen, betreibt LivingEducation auch ein Frauenhaus, das ca. 15 Minuten mit dem Bus von der Schule entfernt liegt. Wir gewähren hilfebedürftigen Frauen Obdach und helfen ihnen, wenn sie sich scheiden lassen möchten oder ein Sorgerechtsstreit auftritt.
Was lernen die Mädchen in Deiner Schule außer lesen und schreiben?
Wir verstehen unsere Schule als interreligiöses, sozialpädagogisches Friedensprojekt.
Die große Mehrheit der Pakistaner/innen sind Moslems. Christen befinden sich mit ca. 5% in der Minderheit und werden häufig diskriminiert. An unserer Schule ist das Verhältnis von christlichen und muslimischen Mädchen mit ca. 50%:50% ausgeglichen. Das ist gut für die Mädchen, da sie lernen sich gegenseitig zu tolerieren, zu akzeptieren und sich zu mögen. Es kommt zum Beispiel vor, dass christliche Mädchen während des Ramadans aus Solidarität mit ihren muslimischen Freundinnen auch fasten. Ebenso nehmen muslimische Mädchen aus Interesse an den Ostergottesdiensten teil. Dass die Mädchen lernen, was Toleranz und Solidarität bedeutet, ist für mich fast wichtiger, als das formale Wissen. Unsere Schule ist also auch ein Ort der Begegnung.
Welche weiteren Faktoren spielen neben Armut für die schlechte Bildungssituation in Pakistan eine Rolle?
Zunächst einmal gibt es Probleme mit der Infrastruktur. Reiche Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen, da das öffentliche Schulsystem keinen guten Ruf genießt. Das öffentliche Schulsystem verlottert derweil, da nicht genug Geld hineinfließt.
Darüber hinaus werden Lehrer/innen nur sehr schlecht bezahlt. Dadurch nehmen sie oftmals ihren Job nicht besonders ernst und sind auch bestechlich. Die Korruption im öffentlichen Sektor in Pakistan geht sogar soweit, dass sogenannte Phantom-Schulen gegründet werden. Das sind Schulen, die nur auf dem Papier existieren, für die der Staat aber Geld zahlt, welches dann in irgendwelchen dunklen Kanälen versickert. Bei LivingEducation kontrollieren wir durch regelmäßiges Monitoring, wo das Geld hingeht.
Yahya wir danken Dir für das Gespräch!
Weitere Informationen zu LivingEducation finden Sie unter www.livingeducation.org.



